Bad Wildungen. Die Stadt Bad Wildungen verstärkt ihre Aktivitäten zum Schutz der biologischen Vielfalt in der offenen Feldflur und bündelt bestehende Maßnahmen künftig unter dem Dach des Projekts „Artenreiche Feldflur in Bad Wildungen“. Im Mittelpunkt stehen drei eng miteinander verzahnte Themenfelder: der Schutz des Rebhuhns, die Förderung seltener Ackerwildkräuter sowie die Wiederherstellung artenreicher Weg- und Wiesenraine. Der Landschaftsraum südöstlich von Bad Wildungen besitzt in diesen Bereichen eine hohe naturschutzfachliche Bedeutung. Strukturen wie Hecken, Säume und Weg- sowie Wiesenraine sind Lebensraum für viele spezialisierte Arten und zugleich Reste einer früher deutlich strukturreicheren Kulturlandschaft in der Region. Bereits seit Jahren laufen hierzu Maßnahmen in Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen beim Landkreis, dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) und zusammen mit landwirtschaftlichen Betrieben. Das Projekt führt diese Ansätze nun in einem gemeinsamen Rahmen zusammen und ergänzt sie um eine stärkere kommunale Umsetzung auf eigenen Flächen. Die drei Teilbereiche greifen dabei gezielt ineinander. So verbessern artenreiche Weg- und Wiesenraine den Biotopverbund und bieten wichtige Insektenlebensräume. Davon profitieren Feldvogelarten, wie das Rebhuhn, besonders in der Jungvogelphase. Extensiv bewirtschaftete Ackerflächen sichern wiederum die seltenen Ackerwildkräuter, das Blütenangebot und somit die Nahrungsgrundlage vieler Arten.
Bad Wildungen. Anlass der aktuellen Mitteilung ist der Bescheid der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises über die Anerkennung einer vorlaufenden Ersatzmaßnahme zur Wiederherstellung von Wiesenrainen in den Gemarkungen Bad Wildungen und Braunau. Grundlage ist ein Antrag mit Maßnahmenplanung, der an naturschutzfachliche Flächenpotenziale anknüpft und diese erstmals systematisch umsetzt. Die anerkannten Flächen liegen im städtischen Eigentum und umfassen eine Gesamtfläche von 2,1 Hektar. Mit der Maßnahmenumsetzung soll in Kürze begonnen werden und damit ist eine erhebliche ökologische Aufwertung verbunden, für die Biotopwertpunkte anerkannt werden.
Weg- und Wiesenraine sind für den Biotopverbund entscheidend
Weg- und Wiesenraine, Säume und Wegbankette zählen zu den wichtigsten Vernetzungsstrukturen in der Feldflur. Sie verbinden Lebensräume miteinander und ermöglichen Wanderbewegungen sowie den genetischen Austausch von Arten. Gleichzeitig bieten sie Rückzugs-, Nahrungs- und Lebensräume für Insekten, Feldvögel und Wildpflanzen. In intensiv genutzten Agrarräumen übernehmen sie damit eine zentrale Funktion für den Biotopverbund. Viele dieser Wegrandstrukturen sind durch häufiges Mulchen, Nährstoffeinträge und ungeeignete Pflege im Laufe der Zeit artenärmer geworden. Künftig erfolgt deshalb eine an den Naturschutz angepasste Pflege mit ein bis zwei Mahden pro Jahr und verpflichtendem Abtransport des Schnittgutes. Ergänzend prüft die Stadt Bad Wildungen den Einsatz von Schafbeweidung auf geeigneten Teilflächen. Diese Pflegeform ist besonders schonend und entspricht einer traditionellen Nutzung der Kulturlandschaft. Die Beweidung wird zunächst auf einer ausgewählten Fläche im Frühjahr erprobt. Ziel der angepassten Pflege ist es, die in der Ersatzmaßnahme anerkannten Flächen langfristig auszumagern und wieder artenreiche Säume zu entwickeln. Bereiche, die nicht für eine Beweidung geeignet sind, werden weiterhin durch den städtischen Bauhof gepflegt. „Auch über das Projektgebiet hinaus können Landwirte und Flächeneigentümer zur ökologischen Aufwertung der Feldflur beitragen. Ausreichende Randstreifen an Wegen und Gräben ermöglichen die Entwicklung von Wegrainen und Heckenstrukturen. Diese Strukturen sind wichtige Lebensräume und stärken die Biodiversität vor Ort“, so Markus Schönmüller vom Fachdienst Landwirtschaft des Landkreises, der den Antrag auch als Fachplaner erstellt hat.
Außergewöhnlicher Bestand an Ackerwildkräutern
Bad Wildungen verfügt über mehrere besonders hochwertige Ackerstandorte mit seltenen Ackerwildkräutern. Dazu zählen unter anderem das Acker-Adonisröschen, der Acker-Rittersporn, der Acker-Steinsame oder der Acker-Hohlzahn. Diese Arten sind keine klassischen „Unkräuter“, sondern seltene und spezialisierte Wildpflanzen der traditionellen Ackerlandschaft. Sie sind auf bestimmte Standortbedingungen und eine extensive Bewirtschaftung angewiesen und vielerorts stark zurückgegangen. Bundesweit gelten Ackerwildkräuter als die am stärksten gefährdete Pflanzengruppe in der Agrarlandschaft. In der Region konnten sich noch bedeutende Restvorkommen erhalten. Die Betreuung dieser Flächen wird fachlich durch den Landkreis koordiniert. Über Agrarumweltprogramme, insbesondere das Hessische Agrarumwelt und Landschaftspflegeprogramm (HALM), und vertragliche Vereinbarungen mit landwirtschaftlichen Betrieben werden die Bewirtschaftungsformen entsprechend angepasst. Dazu gehören unter anderem die Aussaat geeigneter Kulturen, weniger Dünger, eine angepasste Bodenbearbeitung und eingeschränkter Pflanzenschutz.
Rebhuhnschutz in der Feldflur
Auch der Schutz des Rebhuhns wird in der Region seit mehreren Jahren vorangetrieben. Aufbauend auf einem Rebhuhnschutz-Projekt im Bad Zwestener Raum werden auch in der Feldflur südöstlich von Bad Wildungen Maßnahmen seit 2021 umgesetzt. Das Rebhuhn gilt als Leitart einer strukturreichen und insektenreichen Agrarlandschaft. Wo sich seine Bestände stabilisieren, profitieren viele andere Arten auch. Nicht ohne Grund wurde das Rebhuhn zum Vogel des Jahres 2026 gewählt. In Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Betrieben werden geeignete Nahrungs- und Deckungsflächen entwickelt. Dazu zählen angepasste Saaten, reduzierte Saatdichten und stehengelassene Streifen. Die fachliche Koordination erfolgt über den Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Ergänzend zu den Maßnahmen auf den Ackerflächen wird auch die Heckenpflege durch die Stadt angepasst. Dies unterstützt die Ziele der anerkannten Ersatzmaßnahme. So werden Gehölze künftig abschnittsweise und regelmäßig wiederkehrend gepflegt. Dabei bleiben Teilbereiche ungeschnitten, sodass über die Jahre unterschiedliche Alters- und Höhenstrukturen entstehen. Diese Strukturvielfalt verbessert die Lebensbedingungen vieler Arten und erhält trotzdem wichtige Ansitzwarten, unter anderem für den seltenen Raubwürger, der im Raum Braunau regelmäßig zu beobachten ist. „Die Feldflur rund um Bad Wildungen ist ökologisch besonders wertvoll. Auch Passanten können zu ihrem Schutz beitragen, indem sie zum Beispiel Hunde in der Brutzeit im Rebhuhngebiet anleinen“, so Andrea Imhäuser vom LLH.
Große Naturschutzpotenziale auf städtischen Flächen
Über die Projektkulisse hinaus verfügt die Stadt über weitere eigene Flächen für den Arten- und Lebensraumschutz. Allein die städtischen Weg- und Wiesenraine im Projektgebiet umfassen rund 69 Kilometer. Hinzu kommen überwiegend verpachtete Flächen wie Nass- und Feuchtwiesen, artenreiche Grünlandstandorte sowie einzelne Ackerflächen mit seltenen Ackerwildkraut-Arten außerhalb des Projektgebietes. Die Flächen sollen künftig gemeinsam mit landwirtschaftlichen Betrieben stärker naturgerecht bewirtschaftet werden. Häufig reicht es bereits, Mahdzeitpunkte und Mahdhäufigkeit anzupassen. Auf geeigneten Standorten kommen zusätzlich Düngeverzicht, extensive Nutzung oder gezielte Beweidung in Betracht. In den vergangenen Monaten wurden mehrere geeignete, zuvor brachliegende Flächen neu vergeben, insbesondere zur extensiven Beweidung. „Uns ist wichtig, dass geeignete Flächen sinnvoll und naturverträglich durch lokale landwirtschaftliche Betriebe genutzt werden“, so Maximilian Malte Paul, Klimaschutzmanager der Stadt Bad Wildungen. Flächeneigentümer, landwirtschaftliche Betriebe und Interessierte, die Maßnahmen in der Feldflur unterstützen oder geeignete Flächen bereitstellen möchten, können sich bei der Stadt Bad Wildungen melden. Ansprechpartner ist Klimaschutzmanager Maximilian Malte Paul. Telefon: 05621 701-430 E-Mail: maximilian-malte.paul@bad-wildungen.de.


















